Leitlinien

- der Emanzipatorischen Frauenbildung

Die neue Frauenbildung entstand am Ende der sechziger Jahre im Zuge der gesellschaftspolitischen Reformdebatten der Studentenbewegung. Unzufrieden mit dem männlich geprägten Politikverständnis auch linker Gruppierungen, die ihre politischen Mitstreiterinnen gerne auf typisch weibliche Aufgaben wie das Kaffeekochen, Flugblättertippen und Kinderbeaufsichtigen reduzieren wollten, formierte sich der Frauenwiderstand. Einen zentralen Stellenwert der autonomen oder neuen Frauenbewegung nahm die Bildungsarbeit ein. Sie fand zunächst in Frauenzentren statt und hielt allmählich auch in etablierten Weiterbildungseinrichtungen wie z.B. Volkshochschulen Einzug.

Zum Ausgangspunkt und zum Gegenstand der Lernprozesse sollten damals in erster Linie subjektive Befindlichkeiten und situative Problemsichten von Frauen gemacht werden. Auch heute gilt noch, an die geschlechtsspezifische Betroffenheit anzuknüpfen und die Kompetenzen und Stärken von Frauen aufzugreifen für eine Perspektive der individuellen Lebensplanungen.

Wir legen besonderen Wert darauf, die gesamte Lebenswelt von Frauen in der Gesellschaft einzubeziehen, statt sich auf eine bloße Anpassungsweiterbildung im Rahmen der weiter bestehenden geschlechtsspezifischen, gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu beschränken. Wir möchten dazu beitragen, die gesellschaftlich bedingte Benachteiligung der Frauen innerhalb und außerhalb des Berufslebens bewusst und durchschaubar zu machen und bei der Entwicklung von Kompetenzen durch Vermittlung von Qualifikationen zu helfen, diese Benachteiligungen zumindest ansatzweise zu überwinden.


Geschlechtergerechte Didaktik
Eine geschlechtssensible oder geschlechtergerechte Didaktik kommt zur Anwendung, wenn weder Frauen noch Männer bevorzugt werden, wenn ein Arrangement besteht, in dem weder Frauen noch Männer in der Entfaltung ihrer Bedürfnisse behindert werden. Eine wichtige Voraussetzung ist dabei die Sensibilisierung der Unterrichtenden für Geschlechterverhältnisse in Lehr- und Lernbeziehungen.

Geschlechterperspektive als Inhaltsdimension von Seminaren
Erstens sollten die vorhandenen erwachsenenpädagogischen Curricula und Unterrichtskonzepte anhand folgender Fragen analysiert werden:

  • In welcher Art und Weise werden die Geschlechterverhältnisse thematisiert?
  • Wie ist die Perspektive der Darstellung von Sachverhalten?
  • Gibt es eine Auslassung von bedeutenden Geschlechteraspekten?
  • Wie werden die Lebensrealitäten von Frauen dargestellt oder ausgeblendet?
  • Wird eine geschlechtergerechte Sprache verwendet?
  • Werden Geschlechtsrollenstereotype verwendet?

Geschlechtsbezogenes Verhalten der Unterrichtenden
Eine Sensibilität der Unterrichtenden für ihre eigenen geschlechtsbezogenen Verhaltensweisen ist die Voraussetzung, um in die Bildungsarbeit Erkenntnisse über geschlechtsbezogenes Verhalten einbringen zu können. Dazu gehört u.a.:

  • Eindeutigkeiten in der Selbstdarstellung,
  • bewusster Umgang von Frauen mit ihrem Expertinnenstatus,
  • Unterlassen von sexistischem Verhalten,
  • bewusster Umgang mit geschlechtsspezifischen Zuweisungsprozessen.

Ziel ist die Verhinderung einer Verfestigung von geschlechtsdifferenten Lernkulturen.


Methodische Gestaltung der Seminare

Die Methodik eines Seminars sollte dergestalt sein, dass die verschiedenen Kommunikations- und Interaktionsweisen der Geschlechter zum Zuge kommen. Das kann sich ausdrücken durch das bewusste Einbeziehen von stillen Teilnehmenden (Frauen und Männern) und in einem Entzug von Aufmerksamkeit für Störer/innen und Vielredner/innen, um Beiträge mit dialogischen Strukturen zu durchbrechen und den Einfluss von dominanten Personen zu durchbrechen.


Gestaltung der Rahmenbedingungen von Bildungsarbeit

Auf der Ebene der Rahmenbedingungen von Bildungsarbeit erfordert eine geschlechtergerechte Didaktik, dass die Auswahl des Veranstaltungsorts (Aspekte Erreichbarkeit, Sicherheit) der zeitliche Rahmen, die räumliche Ausstattung und Zusatzangebote wie Kinderbetreuung an die Lebensbedingungen der teilnehmenden Frauen und Männer angepasst werden.


Quelle:

  • Karin Derichs-Kunstmann [2002]: Geschlechtergerechte Didaktik. Begründungen, Dimensionen, Konsequenzen. Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung e.V. [Hrsg.]: Geschlechter – Perspektiven – Wechsel. Impulse zur Bildungsdiskussion. Dokumentation Gender Fachkongress 12. Juni 2002.